Lette Verein Berlin

Metallographie Ausbildung im Lette Verein Berlin

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Dario-Noél Dörffel, Abiturient, Studienabbrecher und begeisterter Motorradfahrer hat sich nach längerer Suche entschlossen, eine Ausbildung zum Metallographen zu machen.

Und das ist auch gut so! Er lernt einen Beruf mit guten Berufschancen, da Metallographinnen und Metallographen gefragte Fachkräfte in vielen Wirtschaftsbereichen sind. Neben der Automobil-, Luft- und Raumfahrtindustrie gibt es auch in Bereichen der Medizintechnik, den erneuerbaren Energien sowie in Forschungsinstituten attraktive Arbeitsstellen. Wie kam es zu dieser einzigartigen Berufsausbildung?

 Erfunden wurde der Beruf im Lette Verein Berlin, der 1866 von dem liberalen Politiker Dr. Wilhelm Adolf Lette gegründet wurde:

„Zweck des Vereins ist die Förderung der Erwerbstätigkeit der auf eigenen Unterhalt angewiesenen Frauen und Jungfrauen, damit die vielen unverheirateten Frauenzimmer der mittleren und höheren Bevölkerungsschichten selbst für ihren Unterhalt sorgen konnten“.

Diese Worte lassen uns heute schmunzeln. Für die damalige Zeit stellten sie eine gewaltige Veränderung in der männlich besetzten Berufswelt dar. Es wurden neue Aufgabenfelder für die Ausbildung von Frauen gesucht und gefunden. Bereits 1890 entstand die Fotografische Lehranstalt, aus der sich zwei weitere neue Berufe entwickelten, die eng an die technischen Erfindungen geknüpft waren. Die Entdeckung der Röntgenstrahlung führte 1895 zur Ausbildung der „Röntgenschwester“, den heutigen Medizinisch-Technischen Assistentinnen/Assistenten für Radiologie. Adolf Martens (1850-1914) begründete die Wissenschaft der Materialforschung und Werkstoffprüfung in Deutschland, war seit 1879 Professor an der heutigen TU Berlin und ab 1884 Direktor der heutigen Bundesanstalt für Materialforschung und Materialprüfung (BAM). Zusammen mit Carl Zeiss entwickelte er ein Mikroskop für die Untersuchung des Gefügeaufbaus von Metallen.

Damit waren die Rahmenbedingungen für die Geburtsstunde der Metallographie geschaffen und 1904 wurde das Unterrichtsfach Mikrofotografie für medizinische und technische Zwecke im Lette Verein eingeführt. 1906 – also vor 110 Jahren – wurde die erste Absolventin als Mikrofotografin examiniert und bekam eine Anstellung in einem Hüttenwerk in Kattowitz (Oberschlesien), der Baildonhütte. Bis 1916 blieb es bei dieser Berufsbezeichnung, nach 10 Jahren waren nun bereits 150 ausgebildete Frauen in der Industrie tätig. Im Laufe der nächsten 100 Jahre wurde die Berufsbezeichnung mehrmals geändert, ab 1932 lautete die Berufsbezeichnung „Technische Assistentin/Assistent für Metallographie und Werkstoffprüfung“, heute „Technische Assistentin/Assistent für Metallographie und physikalische Werkstoffanalyse“.

Bis 1961 – dem Jahr des Mauerbaus - machten viele Schülerinnen aus Ostberlin und der DDR die Ausbildung zur Metallographin, es sollte 29 Jahre dauern, bis dies wieder möglich wurde!

Die fachlichen Inhalte der Ausbildung wurden und werden ständig den technischen Entwicklungen angepasst, ein externes, betriebliches Praktikum ist heute Bestandteil der Ausbildungs- und Prüfungsordnung. Ab 1976 besteht die Möglichkeit, die Berufsausbildung kombiniert mit der Fachhochschulreife zu erwerben. Für Jugendliche mit mittlerem Schulabschluss ist diese dreijährige Ausbildungszeit die Chance, mit guten Vorkenntnissen in ein anschließendes Studium zu starten. Für Abiturientinnen und Abiturienten sowie fachlich vorgebildete Bewerber (Werkstoffprüfer), beträgt die Ausbildungszeit 2 Jahre.

Die Leitung der Abteilung Metallographie war 60 Jahre lang fest in Frauenhänden: Marie Kundt – Anna Köppen, Charlotte Wachau, ihre Nachfolger waren Dr. Manfred Ottow und Volkmar Dietl. Im Jahr 2008 habe ich den großen Schritt gewagt und die Leitung übernommen und ich kann sagen, dass es eine der besten Entscheidungen in meinem Leben war. Die Metallographie hat mich seit meiner eigenen Ausbildungszeit immer fasziniert und die Weiterentwicklung der Werkstoffe und die damit verbundene Neugestaltung der Unterrichtsinhalte bieten reichliche Betätigungsfelder. Für die Zukunft ist die Gründung einer Fachschule geplant, mit dem Abschluss als staatlich geprüfte(r) Technikerin/Techniker. Diese Zusatzausbildung kann im Anschluss an die Ausbildung gemacht werden, wird aber auch anderen fachlich vorgebildeten Interessenten offenstehen.

Dieses Jahr wird das 110 jährige Bestehen der Ausbildung Metallographie gefeiert und die 50. Metallographie Tagung findet zu diesem Anlass vom 21. bis 23. September im Henry-Ford-Bau der FU Berlin statt. Darüber freuen meine Kolleginnen und Kollegen und ich uns sehr und versprechen, weiterhin mit Freude und Willenskraft junge Menschen die Freude an einem der schönsten Berufe zu vermitteln.

 

Bild des Benutzers Michael Engstler
Erstellt
am 16.09.2016 von
Michael Engstler

von Gundula Jeschke
Quellenverzeichnis
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